Das Boot ist voll E2 wordBericht HANNEWS

GEW -Kreisverband Hannover Region besucht das „Theater in der List“:

 

Das Boot ist voll“

oder

„Ich sehe keine Schwarzen mehr, sondern nur Menschen (Vito)“

 

Lediglich 4 Tische, 4 Stühle, ein Papierkorb und eineProjektionswand stellen das karge Bühnenbild einer Eisdiele dar, in der es Willi Schlüter in einer Mischung von innerem Monolog und beschreibenden Worten meisterhaft gelingt, die Zuschauer mitzunehmen; mitzunehmen auf eine Reise in die Welt eines Retters von schwarzafrikanischen Schiffbrüchigen vor der Insel Lampedusa. Die Zuschauer*innen erleben W. Schlüter als Vito, der zwar kein Gutmensch ist, aber angesichts der Konfrontation mit Schiffbrüchigen vor der Küste Italiens handelt, das gebiete die Tradion der Seefahrt. Dabei fühlen sich die Zuschauer ein in einen Vito, der einerseits von Widersprüchen, Abwehr, Ängsten und hohem Leidensdruck bestimmt wird, andererseits von fruchtbaren Lernprozessen und freudvollen neuen Erfahrungen erfasst ist. Nicht zuletzt macht der zunächst Unpolitische, der als Norditaliener alle Sicherheiten aufgegeben und auf der Insel Lampedusa sein Paradies gefunden hatte, einen politischen Lernprozess durch.

Vitos Ambivalenzen zeigen sich z.B. darin, dass er unheimlichen Ärger und starke Wut gegenüber Schwarzafrikanern äußert, da seine Enkelin auf seinem Boot von einem Schwarzafrikaner äußerst bedroht und bedrängt worden war, er aber zugleich mit den Geretteten Erfahrungen von Nähe und Freundschaft machte, die sein Bild in Frage stellten. Beindruckend istdie Schilderung des Rituals der Wiederholung der Rettung, denn die Schiffbrüchigenwollen jedes Jahr am Jahrestag der Rettung hinausfahren und die Rettung wiederholen, indem sie ins Wasser springen und wollen, dass man sie wieder ins Boot hineinzieht. Zunächst unbegreiflich bedrohlich für Vitos Seele, erfährt er anschließend Umarmungen voller Dankbarkeit, und später startet dann ein Fest der Freude, überlebt zu haben. Und Vito wird ergriffen von diesem Lebensgefühl, indem die Gerettetenihre Wiedergeburt zelebrieren.

Die Küstenwache und ein weiteres Boot, welche am 3. Oktober 2013 in der Nähe der Schiffbrüchigen waren, hätten alle retten können, aber man drehte ab, sodass Vito und seine Freunde, konfrontiert mit dem Grauen der Ertrinkenden, immerhin soviele retten konnten, wie es die Größe ihres Bootes hergab. Der Zuschauer erfährt, dass es für Vito unklar bleibt, warum die mögliche Rettung aller ausblieb. Es soll offensichtlich etwas verschleiert werden, denn man will Vito zu einer Falschaussage zwingen, der er sich aber  widersetzt. Er zermartert sich das Gehirn, worin die Ursachen des Dramas liegen könnten, Wahrheit oder Täuschungen sind für ihn nicht auseinander zu halten.

Im Gespräch mit den Zuschauer*innen, das sich an die Vorstellung anschloss, sagt W. Schlüter, dass er sich durch das Stück verändert habe, ebenso, wie sich der wirkliche Vito auch verändert habe: „Der Text hat mit mir viel gemacht, da habe ich schon viel zu verarbeiten. Man ist nicht mehr derselbe Mensch wie vorher.“ Im weiteren Gesprächsverlauf geht es dann besonders um die Kritik an der restriktiven aktuellen Flüchtlingspolitik in Italien (eine Regierung der Fünf-Sterne-Bewegung und der rechten Lega wurde gerade gebildet), Deutschland und den Visegràdstaaten.

EineGEW -Kleingruppe unterhält sich abschließend im Foyer mit dem Autor des Stückes, Antonio Umberto Riccò, der auch Regie führt und die Technik bedient. Er habe sich schon seit Jahren mit dem behandelten Thema befasst und kenne den wirklichen Vito Viorini persönlich. Er versichert, dassalles, was im Stück vorkomme, so auch passiert sei. Mutige Arbeit von Journalisten habe endlich dazu geführt, dass zurzeit ein Staatsanwalt Anklage erhoben habe, um die Unklarheiten in Bezug auf die Verhinderung der Rettung aller Schiffbrüchigen zu klären. Vielleicht wird es also eine Antwort auf die offenen Fragen und die Spekulationen in Bezug auf die Wahrheit geben. W. Schlüter und ihm gehe es darum, besonders in den Aufführungen vor Schüler*innen Empathie zu erzeugen;es gehe dabei nicht nur um Menschrechte, sondern besonders um die Menschenwürde! Schließlich erreiche man in Schule den Querschnitt der Gesellschaft, von den gut Situierten bis hin zu

den äußerst benachteiligten Familien;sie erreichten also ALLE. Die jungen Menschen seien sehr berührt, 30 Sekunden nach Beginn einer Vorführung sei Totenstille im Raum, egal ob in Haupt-Real-oder anderen weiterführenden Schulen. Die hohe Betroffenheit liege wohl daran, dassdas, was man höre und sehe, eigentlich außerhalb der Vorstellungskräfte liege.Sieredeten mit den Schüler*innen hinterher über das Stück, versuchten zu vertiefen,und in Folgestunden bei den Lehrer*innen erfolge das ja ohnehin. Die Jugendlichen sprächen übrigens nicht von dem Theaterstück, dass sie geradegesehen hätten, sondern bezeichneten dieses als einenFilm. Das hätten W. Schlüter und er selbst erst gar nicht verstanden, sei aber wohl darauf zurückzuführen, dass es der Film im Kopf sei, der ablaufe, die Wortwahl also freigesetzte Empathie zeige.

Wenngleich die Rettung von 47 Gekenterten am 3. Oktober 2013 fünf Jahre zurückliegt, ist das Theaterstück äußerst aktuell, wie die täglichen Meldungen in den Medien zeigen. Diese rauschen aber inzwischen an den Menschen vorbei. Deshalb ist „Das Boot ist voll“ so wichtig, denn die Sensibilisierung gelingt. 

Rezension in HANNOVERNEWS Nr.2/2018Werner Fink, 14.06.2018

Mit diesem Stück kommt das Theater in der List auch indie Schulen:

Durch Sponsoring ist ein Preis pro Vorstellung von nur 250,00 € möglich.

Die Höchstzuschauerzahl beträgt 150 Teilnehmer*innen.

Aufbauzeit 30 Minuten. Dauer des Stücks: 75 Minuten.

 

Kontakt und Buchung:

THEATER in der LIST,

Spichernstr. 13

30161 Hannover, 

0511 89711946,

 

info@theater-in-der-list.de

Als „Die Weisen Nathan“ zeigt das Theater in der List eine zeitgenössische Bearbeitung des 1779 veröffentlichten Lessing-Dramas. Die Produktion der Schauspielerin Dominique Marino ist gleichzeitig ihre Premiere in Hannover.

Auftritt in weißer Unterwäsche. Vier Frauen taumeln zuckend durch blau ausgeleuchteten Nebel zwischen Stehleitern umher. Ein düster-treibender Synthie-Soundtrack dramatisiert ihren Ausdruckstanz. Am Bühnenrand werfen sie sich hin, schreiben mit Kreide das Credo des Abends auf den Boden: „Sind wir nicht alle Menschen?“ Dann streifen sie sich die Kleidung über, schmücken sich mit den Accessoires, die auf den Leitern hängen. Erst durch das Spitzen-Nachthemdchen, die goldfarbene Kippa und die Tarnfleckhose werden sie zu Recha, zu Nathan, zum Tempelritter und zu den anderen Figuren, die Gotthold Ephraim Lessings Drama „Nathan der Weise“ bevölkern. 

Als „Die Weisen Nathan“ zeigt das Theater in der List eine zeitgenössische Bearbeitung des 1779 veröffentlichten Stücks. Die Produktion der Regisseurin  Schauspielerin Dominique Marino ist gleichzeitig ihre Premiere in Hannover. Sie gehört künftig zum festen Ensemble des freien Theaters.                                                                                                                                                                                                                                Lessing-Remix

Marinos Inszenierung des klassischen Stoffs lässt sich am besten als Remix beschreiben. Gleich zu Anfang verrät sie, dass Recha, die Ziehtochter des jüdischen Geschäftsmanns Nathan und der von ihr als Lebensretter geliebte Tempelritter, Geschwister sind. Noch dazu sind die beiden Kinder des Sultans Saladin, der zur Zeit des dritten Kreuzzugs muslimischer Herrscher über Jerusalem ist. Hier spielt Lessings Original ebenso wie die zeitgenössische Adaption. „Die Weisen Nathan“ folgt dabei keiner linearen Geschichte, sondern springt zwischen den Zeiten. „Ich wollte echt meine Schwester flachlegen“, sagt der Soldat, der abwechselnd von verschiedenen Schauspielerinnen verkörpert wird. Originaltext und zeitgenössische Sprache, mitunter Jargon, wechseln sich ab - genau so, wie die Akteure, die allesamt von Frauen gespielt werden, ihre Rollen durchwechseln. 

Das alles sind Kunstgriffe, mit denen Marino das Ausgangsmaterial durcheinanderwürfelt. Performative Einlagen, Auftritte von allen Seiten des Zuschauerraums und ein elektronisch-cineastischer Soundtrack schaffen auf der Bühne eine Dynamik, die das engagierte Spiel der vier Darstellerinnen (darunter auch Marino) positiv unterstreicht.

Für Schulklassen ideal

Schulklassen und allen, denen klassisches Theater zu dröge ist, bietet das Theater in der List damit eine temporeiche Alternative, die überzeugen kann. Liebhabern originalgetreuer Aufführungen wird diese Version wohl weniger gefallen. „Wer die Handlung nicht kennt, der hat es schwer“, konstatiert eine Zuschauerin in der Pause. Sie hat recht. Zumindest die Grundzüge der Geschichte sollten einem geläufig sein, bevor man sich den Remix anschaut. Marino muss sich daher am Ende die Frage gefallen lassen, warum sie´, bei all dem Gewürfel, keine eigene Interpretation anbietet.

Von Mario Moers

Hannoversche Allgemeine Zeitung 14.5.2018


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