„Wir wollen die Menschlichkeit fördern“

Theaterstück „Das Boot ist voll“ feiert Premiere im Theater in der List / Protagonist Vito Fiorino ist selbst anwesend

VON NELE SCHRÖDER

List. „Es war Zeit, zu helfen.“ Das ist wohl der Satz, der den Inhalt des Theaterstücks „Das Boot ist voll“ am besten zusammenfasst. Das Theater

in der List präsentierte Anfang April die Premiere des Stückes von Antonio Umberto Riccò. Darin wird die Geschichte von Vito Fiorino

wiedergegeben, der am 3. Oktober 2013 mit einer Gruppe von Freunden unfreiwillig zum Retter von 47 gekenterten Flüchtlingen vor Lampedusa wurde.

Willi Schlüter, der Fiorino darstellt, berichtet in einem packenden Monolog, was eine solche Rettung bedeutet, sowohl im Moment des Erlebens als auch im Nachhinein. „Wenn der 3. Oktober kommt, vergessen wir alles andere“, erklärt Schlüter am Anfang des Stückes. „Am Tag danach haben wir wieder dieselben Gefühle wie andere auch.“ Der Handlungsort ist durchweg Fiorinos Eisdiele auf Lampedusa, die Schlüter in seinem Monolog putzt und für die Schließzeit vorbereitet. Dazu sind auf einer Leinwand Projektionen der Retter und der Geretteten zu sehen, Musik und Geräusche wie Meeresrauschen, Möwengeschrei, Menschenstimmen und Hilferufe begleiten und unterstreichen die teils angespannte Atmosphäre.

Schlüter erzählt von seinen Gefühlen und Gedanken, aber auch selbstkritische Reflexion, Kritik an der Regierung und Vorwürfe an die Küstenwache finden Raum in dem Stück. Von all dem berichtet der Schauspieler überzeugend auf Italienisch und Deutsch und zieht das Publikum textsicher in seinen Bann. Die Emotionen, die durch den Kopf des Mannes gehen, der mit Tränen in den Augen von der Katastrophe berichtet oder sich mit vor Wut zitternder Stimme über die Bestimmungen der Küstenwache aufregt, vermittelt er unmittelbar. Das Stück endet mit einem Ausblick auf die Zukunft und der Frage nach dem eigenen, inneren Frieden.

Erst ist es einen Moment still im vollen Theatersaal – dann setzt der Applaus ein. Willi Schlüter bedankt sich beim Publikum und holt auch den „echten“ Vito Fiorino auf die Bühne, der extra für die

Premiere des Stückes angereist ist. Fiorino hat Tränen in den Augen. „Das Stück hat mich emotional sehr berührt“, sagt er danach. „Schlüter war genau mein Ebenbild.“ Schlüter und Fiorino haben sich bei der Premiere zum ersten Mal getroffen, nachdem sie zuvor einen ausgiebigen Online-Kontakt aufgebaut hatten. „Es ist sehr aufregend für mich, dass der Mensch, den ich spiele,im Publikum sitzt und zuhört“, sagt Schlüter dazu. „Das ist etwas Besonderes. Fiorino ist mir sehr nahe.“

Antonio Umberto Riccò, Regisseur und Autor des Theaterstücks, hat sich schon seit Jahren mit dem behandelten Thema befasst. „Auch wenn das konkrete Stück erst seit September in Arbeit ist – die Wahrheit ist eigentlich: Die Arbeit daran begann schon 2013 mit der Katastrophe“, sagt der Deutschitaliener. Sein Ziel ist es, mit „Das Boot ist voll“ Denkanstöße zu geben, die länger andauern als 80 Minuten Spielzeit. Auch in Schulen soll das Stück in den kommenden Wochen aufgeführt werden. Vor allem bei den Schülern sei eines besonders wichtig, sagt Riccò: „Wir wollen die Menschlichkeit fördern.“

 

Presse                                      

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