Als „Die Weisen Nathan“ zeigt das Theater in der List eine zeitgenössische Bearbeitung des 1779 veröffentlichten Lessing-Dramas. Die Produktion der Schauspielerin Dominique Marino ist gleichzeitig ihre Premiere in Hannover.

Auftritt in weißer Unterwäsche. Vier Frauen taumeln zuckend durch blau ausgeleuchteten Nebel zwischen Stehleitern umher. Ein düster-treibender Synthie-Soundtrack dramatisiert ihren Ausdruckstanz. Am Bühnenrand werfen sie sich hin, schreiben mit Kreide das Credo des Abends auf den Boden: „Sind wir nicht alle Menschen?“ Dann streifen sie sich die Kleidung über, schmücken sich mit den Accessoires, die auf den Leitern hängen. Erst durch das Spitzen-Nachthemdchen, die goldfarbene Kippa und die Tarnfleckhose werden sie zu Recha, zu Nathan, zum Tempelritter und zu den anderen Figuren, die Gotthold Ephraim Lessings Drama „Nathan der Weise“ bevölkern. 

Als „Die Weisen Nathan“ zeigt das Theater in der List eine zeitgenössische Bearbeitung des 1779 veröffentlichten Stücks. Die Produktion der Regisseurin  Schauspielerin Dominique Marino ist gleichzeitig ihre Premiere in Hannover. Sie gehört künftig zum festen Ensemble des freien Theaters.                                                                                                                                                                                                                                Lessing-Remix

Marinos Inszenierung des klassischen Stoffs lässt sich am besten als Remix beschreiben. Gleich zu Anfang verrät sie, dass Recha, die Ziehtochter des jüdischen Geschäftsmanns Nathan und der von ihr als Lebensretter geliebte Tempelritter, Geschwister sind. Noch dazu sind die beiden Kinder des Sultans Saladin, der zur Zeit des dritten Kreuzzugs muslimischer Herrscher über Jerusalem ist. Hier spielt Lessings Original ebenso wie die zeitgenössische Adaption. „Die Weisen Nathan“ folgt dabei keiner linearen Geschichte, sondern springt zwischen den Zeiten. „Ich wollte echt meine Schwester flachlegen“, sagt der Soldat, der abwechselnd von verschiedenen Schauspielerinnen verkörpert wird. Originaltext und zeitgenössische Sprache, mitunter Jargon, wechseln sich ab - genau so, wie die Akteure, die allesamt von Frauen gespielt werden, ihre Rollen durchwechseln. 

Das alles sind Kunstgriffe, mit denen Marino das Ausgangsmaterial durcheinanderwürfelt. Performative Einlagen, Auftritte von allen Seiten des Zuschauerraums und ein elektronisch-cineastischer Soundtrack schaffen auf der Bühne eine Dynamik, die das engagierte Spiel der vier Darstellerinnen (darunter auch Marino) positiv unterstreicht.

Für Schulklassen ideal

Schulklassen und allen, denen klassisches Theater zu dröge ist, bietet das Theater in der List damit eine temporeiche Alternative, die überzeugen kann. Liebhabern originalgetreuer Aufführungen wird diese Version wohl weniger gefallen. „Wer die Handlung nicht kennt, der hat es schwer“, konstatiert eine Zuschauerin in der Pause. Sie hat recht. Zumindest die Grundzüge der Geschichte sollten einem geläufig sein, bevor man sich den Remix anschaut. Marino muss sich daher am Ende die Frage gefallen lassen, warum sie´, bei all dem Gewürfel, keine eigene Interpretation anbietet.

Von Mario Moers

 

Hannoversche Allgemeine Zeitung 14.5.2018


„Wir wollen die Menschlichkeit fördern“

Theaterstück „Das Boot ist voll“ feiert Premiere im Theater in der List / Protagonist Vito Fiorino ist selbst anwesend

VON NELE SCHRÖDER

List. „Es war Zeit, zu helfen.“ Das ist wohl der Satz, der den Inhalt des Theaterstücks „Das Boot ist voll“ am besten zusammenfasst. Das Theater

in der List präsentierte Anfang April die Premiere des Stückes von Antonio Umberto Riccò. Darin wird die Geschichte von Vito Fiorino

wiedergegeben, der am 3. Oktober 2013 mit einer Gruppe von Freunden unfreiwillig zum Retter von 47 gekenterten Flüchtlingen vor Lampedusa wurde.

Willi Schlüter, der Fiorino darstellt, berichtet in einem packenden Monolog, was eine solche Rettung bedeutet, sowohl im Moment des Erlebens als auch im Nachhinein. „Wenn der 3. Oktober kommt, vergessen wir alles andere“, erklärt Schlüter am Anfang des Stückes. „Am Tag danach haben wir wieder dieselben Gefühle wie andere auch.“ Der Handlungsort ist durchweg Fiorinos Eisdiele auf Lampedusa, die Schlüter in seinem Monolog putzt und für die Schließzeit vorbereitet. Dazu sind auf einer Leinwand Projektionen der Retter und der Geretteten zu sehen, Musik und Geräusche wie Meeresrauschen, Möwengeschrei, Menschenstimmen und Hilferufe begleiten und unterstreichen die teils angespannte Atmosphäre.

Schlüter erzählt von seinen Gefühlen und Gedanken, aber auch selbstkritische Reflexion, Kritik an der Regierung und Vorwürfe an die Küstenwache finden Raum in dem Stück. Von all dem berichtet der Schauspieler überzeugend auf Italienisch und Deutsch und zieht das Publikum textsicher in seinen Bann. Die Emotionen, die durch den Kopf des Mannes gehen, der mit Tränen in den Augen von der Katastrophe berichtet oder sich mit vor Wut zitternder Stimme über die Bestimmungen der Küstenwache aufregt, vermittelt er unmittelbar. Das Stück endet mit einem Ausblick auf die Zukunft und der Frage nach dem eigenen, inneren Frieden.

Erst ist es einen Moment still im vollen Theatersaal – dann setzt der Applaus ein. Willi Schlüter bedankt sich beim Publikum und holt auch den „echten“ Vito Fiorino auf die Bühne, der extra für die

Premiere des Stückes angereist ist. Fiorino hat Tränen in den Augen. „Das Stück hat mich emotional sehr berührt“, sagt er danach. „Schlüter war genau mein Ebenbild.“ Schlüter und Fiorino haben sich bei der Premiere zum ersten Mal getroffen, nachdem sie zuvor einen ausgiebigen Online-Kontakt aufgebaut hatten. „Es ist sehr aufregend für mich, dass der Mensch, den ich spiele,im Publikum sitzt und zuhört“, sagt Schlüter dazu. „Das ist etwas Besonderes. Fiorino ist mir sehr nahe.“

Antonio Umberto Riccò, Regisseur und Autor des Theaterstücks, hat sich schon seit Jahren mit dem behandelten Thema befasst. „Auch wenn das konkrete Stück erst seit September in Arbeit ist – die Wahrheit ist eigentlich: Die Arbeit daran begann schon 2013 mit der Katastrophe“, sagt der Deutschitaliener. Sein Ziel ist es, mit „Das Boot ist voll“ Denkanstöße zu geben, die länger andauern als 80 Minuten Spielzeit. Auch in Schulen soll das Stück in den kommenden Wochen aufgeführt werden. Vor allem bei den Schülern sei eines besonders wichtig, sagt Riccò: „Wir wollen die Menschlichkeit fördern.“

 

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